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Mai 06, 2025

Persönliches

         Auszeiten

Manchmal mag es ziemlich wichtigtuerisch wirken, wenn bekannte Mitbürger publikumswirksam ankündigen, sich dringend eine Auszeit gönnen zu müssen. Falls sie dann tatsächlich vor­übergehend aus dem öffentlichen Rampenlicht entschwinden, ist meist schwer abzuschätzen, wie ernsthaft sie sich dann aus dem gewohnten All­tagsleben oder aus dem Promi-Getriebe zurückziehen und stattdessen ein eher kontem­platives Leben führen wollen. Aus­zeiten lassen sich jedoch nicht immer planen, manchmal werden sie einem einfach aufgezwungen, was ich vor einigen Jahren selbst erleben musste.


Meine krankheitsbedingte Auszeit 

Mich traf eine unfreiwillige Auszeit eines Abends im Oktober 2021, wobei ich keinerlei Erinnerung mehr daran habe, wie es begann. Wohl wegen Brustschmerzen hatte ich mich ins Klinikum Füssen bringen lassen, wo ich mich noch selbständig in die Notaufnahme begeben haben soll. Offensichtlich fehlte mir aber bereits das Bewusstsein, als die Schnell-Diagnose feststand und man mich im Sanka — ein Hub­schrauber konnte wohl nicht fliegen — in die Augsburger Uni-Klinik gebracht hat. 

Nach überstandener Not-OP nahm ich — vermutlich im Aufwachraum der Inten­sivstation — nur schrittweise und mit stark reduzierter Hirnleistung das Leben um mich herum wieder wahr. Lediglich akustisch und nur bruchstückhaft verfolgte ich dabei ein Gespräch eines Paares über den drohenden Tod. Ebenso erinnere ich mich an einen über mir eher schlecht einsehbaren Monitor, auf dem ich mehrere parallel verlaufende Kurven verfolgen konnte, von de­nen ich mir in meiner Phantasie zusammenreimte, sie würden das er­wartbare Lebensende von uns Patienten in diesem Raum anzeigen, und ei­ne Kurve (welche?) wäre für mich bestimmt. Mit jedem Verschwinden ei­ner Kurve vom Bildschirm durfte ich zufrieden schließen, offensichtlich noch nicht an der Reihe gewesen zu sein. Und so nach und nach kam bei mir so­gar die Hoffnung auf, ganz verschont zu bleiben.


Postoperative Komplikationen 

Der OP an der aufsteigenden Aorta, deren Wände sich offensichtlich getrennt hatten (medizinisch Dissektion), folgten innerhalb weniger Tage noch zwei gravierende Kompli­kationen, ein septischer Schock und ein Schlaganfall. Dennoch ging es mit mir relativ bald wieder aufwärts, sodass man mich sogar schon zu leichten Übungen an ein Reha-Fahrrad brachte. In besonderer Weise hat sich in dieser Phase die Schwester Mária aus Érd bei Budapest um mich gekümmert, die ich dann mit dem Rezitieren von Bruchstücken des früher gelernten Mí At­jánk ('Vaterunser') zu beeindrucken versuchte. Und schon bald brachte man mich wieder ins Füssener Krankenhaus, wo bei mir erstals eine Harnwegsinfektion festgestellt wurde und intravenös mit Antibiotikum behandelte.


Ein Wintermärchen am Allgäuer Zauberberg 

Eine gute Woche später transportierte man mich schließlich zur Reha-Klinik am Enzensberg, wo ich mich wegen literari­scher Erinnerungen zunächst wie auf einem Zauberberg fühlte. Dort verschaffte ich mir schrittweise ein wenig Klarheit über die Umstände meiner Auszeit. 

Es war wohl reiner Zufall, dass ich bereits im Frühjahr 2021 meine sehr persönlich gehaltenen Lebenserinnerungen und Gedanken unter dem Titel Herbststimmung (ISBN 978-3-347-23227-3) veröffentlicht hatte. Dabei hätte man den Inhalt dieses Büchleins wegen der Thematik und der erkennbaren Schreibin­tention auch als eine Vorahnung auf einen bevorstehenden Abschied von der Welt deuten können. Allerdings sah es im November 2021 bereits nicht mehr nach dem Schlimmsten aus, was ich einem Team von kompetenten Ärzten, The­rapeuten und weiteren fleißigen Helfern zu verdanken ha­tte. Und so verweilte ich noch bis zum Ende der Adventszeit am Zauberberg hoch über der All­gäu-Riviera

Während jedoch Thomas Mann auf seinem in den Graubündener Bergen ange­siedelten Zauberberg illustre Vertreter einer gehobenen und über­zeichneten Gesellschaft miteinander agieren und zanken ließ, begegne­ten mir im eher bescheidenen Allgäuer Klinikdorf überwiegend einfache und tapfer mit ihrem Schicksal kämpfende Menschen, die durch ein Unglück oder eine Krankheit unvorhergesehen aus ihrer ge­wohnten Bahn und teilweise sogar aus ihrer Lebensplanung ge­worfen waren, in die sie möglicherweise nie mehr ganz zurückfinden wer­den. Nicht wenige meiner Mitpatienten waren noch sehr jung, weshalb ich verständlicherweise bei ihnen nur selten Regungen von Fröhlichkeit erkennen konnte. 

Im Vertrauen auf die optimistischen Andeutungen und Prognosen mei­ner Ärzte und Therapeuten durfte ich davon ausgehen, noch im Laufe des Winters eine erstaunliche Genesung zu erleben, sowohl hinsicht­lich der Motorik, als auch im Hinblick auf das angeschlagene Erinnerungsver­mögen und die arg reduzierten kognitiven Fähigkeiten. Die Hoffnung und die Zuversicht auf einen derartigen Heilungserfolg stimmten mich damals zufrie­den und dankbar. In Erinnerung an Heinrich Heine deutete ich meine günsti­gen Genesungsaussichten sogar als ein Wintermärchen, auch wenn sich meine frühere Begeisterung für ihn inzwischen relativiert hatte. Heines Kritik an den scheinheiligen Pfaffen (...tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser) schien mir in meiner damaligen Situation eher unangebracht. Auch seine herablassenden Bemerkungen über den blind-naiven Glauben der einfachen Leute (das Eija Popeija vom Himmel) konnten mich nicht mehr zum Schmunzeln reizen.  

Zu all dem war ich während der Reha noch sehr mit mir selbst be­schäftigt. Nur sehr zögerlich nahm ich den Arztbrief aus dem Füsse­ner Krankenhaus zur Hand, um endlich mehr über die Schwere und die Abfolge meiner Krankheiten zu erfahren. Weil ich mir aber bei der Lektüre trotz meiner altsprachlichen Schulbildung ziemlich verloren vorkam, legte ich den Brief wieder zurück, zumal ihm nur beängstigende Passagen zu ent­nehmen waren. Dazu passt, dass ich erst im Dezember mitbekommen habe, meine Vertrauten hätten während der beson­ders kritischen Phase nach dem septischen Schock zugestimmt, mir ein noch nicht zugelassenes Medikament verabreichen zu lassen. Dabei wurde ich in eine medizinische Studie einbezogen, weshalb noch bis Ende Januar aus Augsburg mehrfach telefonisch nachgefragt wurde, ob ich noch am Leben sei und wie ich das Medikament vertra­ge. 


Immer wieder Rückschläge

Bei der Reha war mit erkennbaren Erfolgen an den Nachwirkungen  des Schlaganfalles laboriert worden. Nach der Entlassung ging es jedoch mit der Heilung keineswegs so glatt weiter wie erwartet. Vielmehr stellten sich immer wieder Rückschläge ein, weshalb ich mich mehrfach we­gen Blutdruckproblemen und weiteren Harnwegsinfektionen in die Füssener Klinik begeben musste. Und schließlich ließen noch plötzliche Brustschmerzen ernsthafte Herz-Proble­me vermuteten. An der OP-Wunde am Brustbein hatte sich nämlich ein Abs­zess gebildet, weshalb man mich wieder in die Augsburger Uni-Klinik verwies. Der Abszess ließ sich dort zwar mit mehreren VAC-Operationen unter belastenden Narko­sen beseitigen. Es dauerte dann aber noch einige Wochen, bis unerklärliche Schmerzen auf der Brust und am Rücken ganz nachließen. 

Ab Ostern 2022 fühlte ich mich weitgehend schmerzfrei, beim Gehen brachte mich jedoch noch häufig ein seltsames Schwindelgefühl aus dem Gleichgewicht. Und ganz unerwartet erfasste mich im Mai ein heftiger Schüttelfrost, begleitet von einem rasanten Anstieg des Blutdrucks. Im Krankenhaus stell­te man dann ziemlich hohes Fieber fest und diagnostizierte eine weitere Harnwegsinfektion, die sich bereits zu einer beginnenden Blutvergiftung entwickelt habe. Also wurde ich dort wieder sieben Tage lang intravenös mit Antibiotika behandelt. Meine Zuversicht auf vollständige Heilung hatte somit einen weiteren Dämp­fer bekommen. Einzig eine Ultraschall-Untersuchung am Herzen bot einen kleinen Lichtblick, als ich nämlich am Monitor zusehen konnte, wie mein Herz sehr kräftig und regelmäßig schlug. 

Kaum war ich eine Woche daheim, folgte schon der nächste Rück­schlag, als erneut ein heftiger Schüttelfrost einsetzte. Im Krankenhaus erkannte man dann schließlich, dass bei all den vorangegangenen Infektionen offensichtlich immer der gleiche Keim-Typ ursächlich war. Von da an wurde mein Pro­blem plötzlich sehr ernst genommen. Es kam bei den Ärzten sogleich die Vermutung auf, der Keim könnte sich an der Aorten-Prothese ein­genistet haben. Also setzte man wieder eine intravenöse Antibiose an und plante, den Keim mittels einer Untersuchung mit PET-CT sicher zu lokalisieren, wozu man erst nach längerem hin und her für mich am Klinikum Mem­mingen einen Termin bekam. Das Ergebnis bestätigte den Verdacht, weshalb die Überlegun­gen darum gingen, ob die Augsburger Herz-Chirurgen in einer weiteren OP die befallene Aorten-Prothese sofort ersetzen sollten oder ob mit der Fortsetzung der begonnenen Langzeit-Antibiose dem Keim möglicherweise auf schonendere Art beizukommen wäre. Letzteren Lösungsansatz empfahlen auch die kon­sultierten Augsburger Spezialisten, die eine weitere OP an Brustkorb und Aorta ebenfalls als riskant erachteten.  

Und so wurde ich am 1. Juli 2022 nach einem fast vierwöchigen Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen mit der Maßgabe, die Antibiose in Tablet­tenform weitere drei Monate fortzusetzen. Danach würde die Stunde der Wahrheit anstehen. 


Grund zu Optimistismus und Zufriedenheit

Ab Mitte Oktober 2022 durfte ich berechtigt auf einen Erfolg der antibiotischen Be­handlung hoffen, weil sich bei mehreren Blutuntersuchungen kein Anstieg der Entzündungswerte zeigte. Auch mein Gesamtbefinden war danach ziemlich gut. Bei mir hielt sich jedoch noch längere Zeit eine gewisse Skepsis, ob meine Auszeit damit wirklich endgültig vorbei sei.  

Trotz aller erlittenen Rückschläge musste ich wohl mit dem Verlauf meiner Auszeit und mit der nachfolgenden Situation sehr zufrieden sein, denn nach ärztlicher Aussage überleben nur wenige Patienten eine vergleichbare Abfolge von Erkrankungen. Diese Einschätzung war mir bereits im Frühjahr 2022 deutlich bewusst geworden, als ich erfahren musste, dass ein guter Freund aus der Schweiz, der sich während der ersten Monate mei­ner Krankheitszeit regelmäßig und voller Empathie nach meinem Befinden erkundigt hatte, innerhalb weniger Stunden verstorben war, und zwar ge­nau an einer Aortendissektion.