Auszeiten
Manchmal mag es ziemlich wichtigtuerisch wirken, wenn bekannte Mitbürger publikumswirksam ankündigen, sich dringend eine Auszeit gönnen zu müssen. Falls sie dann tatsächlich vorübergehend aus dem öffentlichen Rampenlicht entschwinden, ist meist schwer abzuschätzen, wie ernsthaft sie sich dann aus dem gewohnten Alltagsleben oder aus dem Promi-Getriebe zurückziehen und stattdessen ein eher kontemplatives Leben führen wollen. Auszeiten lassen sich jedoch nicht immer planen, manchmal werden sie einem einfach aufgezwungen, was ich vor einigen Jahren selbst erleben musste.
Meine krankheitsbedingte Auszeit
Mich traf eine unfreiwillige Auszeit eines Abends im Oktober 2021, wobei ich keinerlei Erinnerung mehr daran habe, wie es begann. Wohl wegen Brustschmerzen hatte ich mich ins Klinikum Füssen bringen lassen, wo ich mich noch selbständig in die Notaufnahme begeben haben soll. Offensichtlich fehlte mir aber bereits das Bewusstsein, als die Schnell-Diagnose feststand und man mich im Sanka — ein Hubschrauber konnte wohl nicht fliegen — in die Augsburger Uni-Klinik gebracht hat.
Nach überstandener Not-OP nahm ich — vermutlich im Aufwachraum der Intensivstation — nur schrittweise und mit stark reduzierter Hirnleistung das Leben um mich herum wieder wahr. Lediglich akustisch und nur bruchstückhaft verfolgte ich dabei ein Gespräch eines Paares über den drohenden Tod. Ebenso erinnere ich mich an einen über mir eher schlecht einsehbaren Monitor, auf dem ich mehrere parallel verlaufende Kurven verfolgen konnte, von denen ich mir in meiner Phantasie zusammenreimte, sie würden das erwartbare Lebensende von uns Patienten in diesem Raum anzeigen, und eine Kurve (welche?) wäre für mich bestimmt. Mit jedem Verschwinden einer Kurve vom Bildschirm durfte ich zufrieden schließen, offensichtlich noch nicht an der Reihe gewesen zu sein. Und so nach und nach kam bei mir sogar die Hoffnung auf, ganz verschont zu bleiben.
Postoperative Komplikationen
Der OP an der aufsteigenden Aorta, deren Wände sich offensichtlich getrennt hatten (medizinisch Dissektion), folgten innerhalb weniger Tage noch zwei gravierende Komplikationen, ein septischer Schock und ein Schlaganfall. Dennoch ging es mit mir relativ bald wieder aufwärts, sodass man mich sogar schon zu leichten Übungen an ein Reha-Fahrrad brachte. In besonderer Weise hat sich in dieser Phase die Schwester Mária aus Érd bei Budapest um mich gekümmert, die ich dann mit dem Rezitieren von Bruchstücken des früher gelernten Mí Atjánk ('Vaterunser') zu beeindrucken versuchte. Und schon bald brachte man mich wieder ins Füssener Krankenhaus, wo bei mir erstals eine Harnwegsinfektion festgestellt wurde und intravenös mit Antibiotikum behandelte.
Ein Wintermärchen am Allgäuer Zauberberg
Eine gute Woche später transportierte man mich schließlich zur Reha-Klinik am Enzensberg, wo ich mich wegen literarischer Erinnerungen zunächst wie auf einem Zauberberg fühlte. Dort verschaffte ich mir schrittweise ein wenig Klarheit über die Umstände meiner Auszeit.
Es war wohl reiner Zufall, dass ich bereits im Frühjahr 2021 meine sehr persönlich gehaltenen Lebenserinnerungen und Gedanken unter dem Titel Herbststimmung (ISBN 978-3-347-23227-3) veröffentlicht hatte. Dabei hätte man den Inhalt dieses Büchleins wegen der Thematik und der erkennbaren Schreibintention auch als eine Vorahnung auf einen bevorstehenden Abschied von der Welt deuten können. Allerdings sah es im November 2021 bereits nicht mehr nach dem Schlimmsten aus, was ich einem Team von kompetenten Ärzten, Therapeuten und weiteren fleißigen Helfern zu verdanken hatte. Und so verweilte ich noch bis zum Ende der Adventszeit am Zauberberg hoch über der Allgäu-Riviera.
Während jedoch Thomas Mann auf seinem in den Graubündener Bergen angesiedelten Zauberberg illustre Vertreter einer gehobenen und überzeichneten Gesellschaft miteinander agieren und zanken ließ, begegneten mir im eher bescheidenen Allgäuer Klinikdorf überwiegend einfache und tapfer mit ihrem Schicksal kämpfende Menschen, die durch ein Unglück oder eine Krankheit unvorhergesehen aus ihrer gewohnten Bahn und teilweise sogar aus ihrer Lebensplanung geworfen waren, in die sie möglicherweise nie mehr ganz zurückfinden werden. Nicht wenige meiner Mitpatienten waren noch sehr jung, weshalb ich verständlicherweise bei ihnen nur selten Regungen von Fröhlichkeit erkennen konnte.
Im Vertrauen auf die optimistischen Andeutungen und Prognosen meiner Ärzte und Therapeuten durfte ich davon ausgehen, noch im Laufe des Winters eine erstaunliche Genesung zu erleben, sowohl hinsichtlich der Motorik, als auch im Hinblick auf das angeschlagene Erinnerungsvermögen und die arg reduzierten kognitiven Fähigkeiten. Die Hoffnung und die Zuversicht auf einen derartigen Heilungserfolg stimmten mich damals zufrieden und dankbar. In Erinnerung an Heinrich Heine deutete ich meine günstigen Genesungsaussichten sogar als ein Wintermärchen, auch wenn sich meine frühere Begeisterung für ihn inzwischen relativiert hatte. Heines Kritik an den scheinheiligen Pfaffen (...tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser) schien mir in meiner damaligen Situation eher unangebracht. Auch seine herablassenden Bemerkungen über den blind-naiven Glauben der einfachen Leute (das Eija Popeija vom Himmel) konnten mich nicht mehr zum Schmunzeln reizen.
Zu all dem war ich während der Reha noch sehr mit mir selbst beschäftigt. Nur sehr zögerlich nahm ich den Arztbrief aus dem Füssener Krankenhaus zur Hand, um endlich mehr über die Schwere und die Abfolge meiner Krankheiten zu erfahren. Weil ich mir aber bei der Lektüre trotz meiner altsprachlichen Schulbildung ziemlich verloren vorkam, legte ich den Brief wieder zurück, zumal ihm nur beängstigende Passagen zu entnehmen waren. Dazu passt, dass ich erst im Dezember mitbekommen habe, meine Vertrauten hätten während der besonders kritischen Phase nach dem septischen Schock zugestimmt, mir ein noch nicht zugelassenes Medikament verabreichen zu lassen. Dabei wurde ich in eine medizinische Studie einbezogen, weshalb noch bis Ende Januar aus Augsburg mehrfach telefonisch nachgefragt wurde, ob ich noch am Leben sei und wie ich das Medikament vertrage.
Immer wieder Rückschläge
Bei der Reha war mit erkennbaren Erfolgen an den Nachwirkungen des Schlaganfalles laboriert worden. Nach der Entlassung ging es jedoch mit der Heilung keineswegs so glatt weiter wie erwartet. Vielmehr stellten sich immer wieder Rückschläge ein, weshalb ich mich mehrfach wegen Blutdruckproblemen und weiteren Harnwegsinfektionen in die Füssener Klinik begeben musste. Und schließlich ließen noch plötzliche Brustschmerzen ernsthafte Herz-Probleme vermuteten. An der OP-Wunde am Brustbein hatte sich nämlich ein Abszess gebildet, weshalb man mich wieder in die Augsburger Uni-Klinik verwies. Der Abszess ließ sich dort zwar mit mehreren VAC-Operationen unter belastenden Narkosen beseitigen. Es dauerte dann aber noch einige Wochen, bis unerklärliche Schmerzen auf der Brust und am Rücken ganz nachließen.
Ab Ostern 2022 fühlte ich mich weitgehend schmerzfrei, beim Gehen brachte mich jedoch noch häufig ein seltsames Schwindelgefühl aus dem Gleichgewicht. Und ganz unerwartet erfasste mich im Mai ein heftiger Schüttelfrost, begleitet von einem rasanten Anstieg des Blutdrucks. Im Krankenhaus stellte man dann ziemlich hohes Fieber fest und diagnostizierte eine weitere Harnwegsinfektion, die sich bereits zu einer beginnenden Blutvergiftung entwickelt habe. Also wurde ich dort wieder sieben Tage lang intravenös mit Antibiotika behandelt. Meine Zuversicht auf vollständige Heilung hatte somit einen weiteren Dämpfer bekommen. Einzig eine Ultraschall-Untersuchung am Herzen bot einen kleinen Lichtblick, als ich nämlich am Monitor zusehen konnte, wie mein Herz sehr kräftig und regelmäßig schlug.
Kaum war ich eine Woche daheim, folgte schon der nächste Rückschlag, als erneut ein heftiger Schüttelfrost einsetzte. Im Krankenhaus erkannte man dann schließlich, dass bei all den vorangegangenen Infektionen offensichtlich immer der gleiche Keim-Typ ursächlich war. Von da an wurde mein Problem plötzlich sehr ernst genommen. Es kam bei den Ärzten sogleich die Vermutung auf, der Keim könnte sich an der Aorten-Prothese eingenistet haben. Also setzte man wieder eine intravenöse Antibiose an und plante, den Keim mittels einer Untersuchung mit PET-CT sicher zu lokalisieren, wozu man erst nach längerem hin und her für mich am Klinikum Memmingen einen Termin bekam. Das Ergebnis bestätigte den Verdacht, weshalb die Überlegungen darum gingen, ob die Augsburger Herz-Chirurgen in einer weiteren OP die befallene Aorten-Prothese sofort ersetzen sollten oder ob mit der Fortsetzung der begonnenen Langzeit-Antibiose dem Keim möglicherweise auf schonendere Art beizukommen wäre. Letzteren Lösungsansatz empfahlen auch die konsultierten Augsburger Spezialisten, die eine weitere OP an Brustkorb und Aorta ebenfalls als riskant erachteten.
Und so wurde ich am 1. Juli 2022 nach einem fast vierwöchigen Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen mit der Maßgabe, die Antibiose in Tablettenform weitere drei Monate fortzusetzen. Danach würde die Stunde der Wahrheit anstehen.
Grund zu Optimistismus und Zufriedenheit
Ab Mitte Oktober 2022 durfte ich berechtigt auf einen Erfolg der antibiotischen Behandlung hoffen, weil sich bei mehreren Blutuntersuchungen kein Anstieg der Entzündungswerte zeigte. Auch mein Gesamtbefinden war danach ziemlich gut. Bei mir hielt sich jedoch noch längere Zeit eine gewisse Skepsis, ob meine Auszeit damit wirklich endgültig vorbei sei.
Trotz aller erlittenen Rückschläge musste ich wohl mit dem Verlauf meiner Auszeit und mit der nachfolgenden Situation sehr zufrieden sein, denn nach ärztlicher Aussage überleben nur wenige Patienten eine vergleichbare Abfolge von Erkrankungen. Diese Einschätzung war mir bereits im Frühjahr 2022 deutlich bewusst geworden, als ich erfahren musste, dass ein guter Freund aus der Schweiz, der sich während der ersten Monate meiner Krankheitszeit regelmäßig und voller Empathie nach meinem Befinden erkundigt hatte, innerhalb weniger Stunden verstorben war, und zwar genau an einer Aortendissektion.
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